Die Wünsche der Menschen

Ein abgemagerter, alter Mann mit silbrig-grauen Haaren saß gefesselt an einem Baum. Die wenige Kleidung, die er trug, war zerfetzt und dreckig. Er hatte seinen Kopf in die Hände gestützt, welche unter diesem Gewicht schier zusammenzubrechen schienen. Die Augen fest verschlossen, saß er in der Mittagshitze auf dem staubigen Boden. Doch dann kam ein kleines Mädchen mit einem kleinen Teddy unter dem Arm auf den gefesselten Mann zu. Als er sie bemerkte, hob er den Kopf und lächelte sie müde an. Das kleine Mädchen ging geradewegs auf den Baum zu und löste die engen Fesseln des Mannes. Dieser fiel kurz darauf auf den Boden und mit letzter Kraft sagte er dankbar: „Alles, was ich wollte, war in Freiheit zu sterben. Danke.“

 

Es herrschte pure Dunkelheit in diesem einen Hinterhof, welchen ein kleiner Junge mit strahlend blauen Augen sein Zuhause nennen musste. Es war eine Gegend, in der sich ein kleiner Junge so spät lieber nicht mehr rumtreiben sollte. Laut hallten die Polizeisirenen jeden Tag durch die Häuserblocks und er zitterte vor Angst in der Hoffnung, am nächsten Tag wieder aufzuwachen. Kurz bevor er einschlief, hörte er ein leises Geräusch und zuckte zusammen. Er wagte nicht zu atmen und lauschte aufmerksam. Kurz darauf streifte etwas Weiches sein nacktes Bein. Vorsichtig setzte er sich auf und blickte in die grün leuchtenden Augen einer Katze. Sie schnurrte und schlug mit dem Schwanz hin und her. Ein kleines Lächeln huschte über das dreckige Gesicht des Jungen. Er nahm die Katze behutsam zu sich und legte sich wieder auf seine dünne Decke. Dann schlief er ein, der Junge mit den strahlend blauen Augen.

Kurzgeschichten von Laura Voß

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